Viewdle - der erste große Deal einer ukrainischen IT-Schmiede

Dies ist eine ziemlich alte Geschichte, die sich jedoch als ein wichtiger Ausgangspunkt in der Entwicklung der ukrainischen IT-Branche etablierte. Google kauft selten Firmen aus Osteuropa, aber 2012 gaben sie für ein ukrainisches Projekt Millionen aus.

Das Jahr 2006 war ein Jahr in der IT-Welt unter dem Zeichen von YouTube. Das Video-Hosting erblickte das Licht der Welt, die Idee wurde sofort von Millionen Nutzern geschätzt. Die ersten Terabyte Videos wurden auf die Server hochgeladen. Google erkannte den neuen Trend sofort und erwarb das Unternehmen.

Die Menge an Videoinhalten stieg exponentiell. Erst ein Jahr später kam das erste iPhone auf den Markt. Smartphones würden bald die Welt erobern und verändern.

Die Anzahl der hochgeladenen Videos wuchs, aber die Suche danach fand auch bei YouTube nur anhand der Textbeschreibung und der Tags statt. Man konnte bereits viel ansehen, aber so gut wie nichts finden. Die Lösung für dieses Problem wurde in der Ukraine gefunden.

Die Firma Viewdle wurde 2006 gegründet. Die Technologie basierte auf den Entwicklungen ukrainischer Wissenschaftler – Zu erwähnen ist die Arbeit von Prof. Dr. Mikhail Schlesinger. Die Technologie befasste sich mit Problemen der Bilderkennung. 

Die erste Version von Viewdle suchte im Video nach Personen und erkannte sie anhand der Gesichter. In der Präsentation für die US-Investoren suchte man nach "george bush oil price" – das System fand gleich den Videoausschnitt, indem George Bush über die Ölpreise sprach. Viewdle sollte zu einer globalen Suchmaschine für Videoinhalte werden. Um das Programm zu testen und das Modell zu evaluieren, half die Zusammenarbeit mit der Nachrichtenagentur Reuters, welche ihr Videoarchiv zur Verfügung stellte.

Doch der Anfang war schwer. Bald änderte sich das Geschäftsmodell der Firma und die Erkennung der Gesichter auf Fotos rückte in den Fokus. Die ersten Smartphones sind gerade erst auf den Markt erschienen. Außerdem luden die ersten sozialen Netzwerke wie Facebook Milliarden von Fotos hoch. Viewdle konnte Freunde anhand von Fotos erkennen und Tags sowie soziale Verbindungen anbieten.

Der erste Investor in das Projekt war ein in den USA lebender Ukrainer, Yuri Frayman. Hier muss man explizit erwähnen, dass man zuerst in Europa nach Investoren suchte – seltsam, aber das ukrainische Projekt interessierte damals niemanden. Es war zu gefährlich, in einen neuen unbekannten Markt zu investieren. In den USA waren die Anleger eher risikobereit und das Geld wurde sofort bereitgestellt. Die zweite Investitionsrunde fand auch in den USA statt (2010, Series B) – Viewdle erhielt 10 Millionen Dollar von Best Buy, Blackberry Partners Fund und Qualcomm.

Google warf ein Auge auf das Projekt. Hier sprach sich im Januar 2009 die damals noch wenig bekannte Marissa Mayer (jetzt – CEO bei Yahoo, damals Vizepräsident von Google) für das ukrainische Projekt aus. Die Technologien von Viewdle waren schon längst für Amerikaner bekannt, doch es kam nicht zu einem Deal.

In einem nächsten Schritt präsentierte Viewdle eine SDK-Umgebung für Mobile Entwickler. Die Kooperation mit etlichen renommierten Firmen und die Einnahmen aus dem Verkauf von Lizenzen brachten im Jahr 2011 Einnahmen in Höhe von einer Million Dollar.

Die Internetgiganten zeigten jetzt Interesse an diesem Projekt. Zunächst ging es um Motorola, aber die Verhandlungen verzögerten sich, da Google gleichzeitig den Kauf von Motorola Mobility abschließen wollte. Im Mai 2012 wurde Motorola Mobility offiziell Teil von Google – gleich darauf kehrte man zum Deal mit Viewdle zurück, der im Oktober 2012 geschlossen wurde. In der Presse schätzte man den Preis auf 30 bis 45 Millionen Dollar. Damit ist das Projekt ein Teil vom Google-Konzern geworden.

Nun ist es schwer zu sagen, in welchem Google-Projekten die Patente und Praktiken der ukrainischen Firma angewendet werden. Die Gesichts- und Objekterkennung gehört zu einem der häufigsten Anwendungsbereiche in der künstlichen Intelligenz. Unser Smartphone erkennt uns per Gesicht. Wir finden leicht Fotos von unseren Lieblingsstars in Google Image. In den sozialen Netzwerken wird uns regelmäßig angeboten, jemanden in einem hochgeladenen Foto zu markieren. Die Gesichtserkennung ist schon fast ein Teil unseres Alltags geworden.

Dieses Geschäft war die erste große Investition von Google in ein Technologieprojekt in Osteuropa und gleichzeitig wurde es zum erfolgreichsten Deal in der Geschichte der ukrainischen IT-Branche. Dies zeigte vielen jungen Projektleitern, dass man von der Ukraine aus, eine Chance hat, ein erfolgreiches Startup aufzubauen. Und schon nach wenigen Jahren wird die Ukraine als populärster Outsourcing-Hub Europa‘s bezeichnet.

Für europäische Investoren hinterlässt diese Geschichte viele Fragen. Ja, das Projekt wurde in Europa schnell gewürdigt, aber die Investoren kamen aus den USA.

Ebenfalls seine Käufer. In Europa gab es entweder kein Venture-Capital oder kein ausreichendes technisches Fachwissen, um die Idee zu bewerten. In einem Interview auf der IDCEE 2013 erzählte der Manager des ukrainischen Unternehmens, wie sie in London und Paris vergeblich nach Geldgebern suchten. Sogar israelische Investoren wollten das Projekt nicht unterstützen. Die Ukraine galt eher als Risiko, weniger als Chance.

In den USA war das Kapital sofort vorhanden. Vielleicht ist es auch ein Grund, warum Google oder Facebook in Amerika möglich wurden und nicht in London, Paris oder gar Berlin.

Welche Lehren können wir aus dieser Geschichte ziehen?

  • In der IT-Welt spielen Algorithmen und Mathematik eine entscheidende Rolle.
  • Eine Durchbruchstechnologie kann man auch in den Ländern wie die Ukraine finden
  • Europäische Investoren sollten aktiver unter europäischen Ländern (auch Nicht-EU Ländern) arbeiten. Das nächste Silicon Valley könnte um die Ecke liegen (und nur 2 Flugstunden von Berlin entfernt!)
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