Enteignungsdebatte in der IT-Welt ist längst zum Alltag geworden

Der Jusos-Chef Kevin Kühnert sorgte für Empörung, als er das Thema "Enteignung" ansprach. Doch viele merkten nicht, wie die Enteignungsdebatte in den letzten Jahren in der IT-Branche zum Alltag geworden ist.

Zuerst wollte man in Berlin Wohnungen enteignen. Der Grund und das Ziel waren klar: es fehlt an bezahlbarem Wohnraum, daher muss in dieser Sache gegensteuern. Die Enteignung schien für viele eine mögliche Alternative zu sein. Es geht hier schließlich um die "bösen" Konzerne und Kapitalisten.

Die Träume von Kevin

Jetzt kam der Kühnert (SPD), der plötzlich BMW verstaatlichen wollte. Oder genauer gesagt, er wollte das nicht, er wollte mit seinen Fragen nur provozieren und darüber debattieren. Schließlich greift man schon jetzt zu solchen Methoden. Die einzelnen Grundstücke, die man für den einen oder anderen Straßenbau oder für ein Fabrikgelände enteignet, können als Gegenargument zählen. Aber es geht weitestgehend um Einzelfälle, die auf die gesamte Wirtschaft keine große Auswirkung haben.

Ein neues Modell Kevin SPD2019 vom Volkseigenen Betrieb BMW aus Bayern

In der Realität wird die erste groß angelegte Enteignung dramatische Folgen für die deutsche Wirtschaft haben. Wer möchte denn dann noch in Deutschland investieren, wenn der Kevin jederzeit mit der Enteignungskeule um die Ecke kommen kann... Ja, die Frage war nicht besonders ernst gemeint, es geht beim Jusos-Chef sehr oft nur um einen Hype und um das Streben nach mehr medialer Präsenz. Aber...

IT-Alltag

In der IT-Branche diskutiert man schon längst über Enteignungen. Es geht nun nicht um Grundstücke, Aktien oder Firmen, es geht primär um Daten und Algorithmen, die plötzlich allen gehören müssen. Es wird debattiert und es wird hart gekämpft.

So fordert die Justizministern Katarina Barley (wieder mal SPD), dass Messengerdienste wie WhatsApp, Facebook oder Threema ihre Nachrichten für andere Anbieter zugänglich sein müssen.

Die Idee ist uns nicht neu, es geht um eine weite Auslegung der Interoperabilität auf Nachrichten-Dienste. Keiner fragt sich, wie das funktionieren sollte. WhatsApp speichert und verwaltet Milliarden Nachrichten täglich oder sogar stündlich. Es geht um Hunderte Server, IT-Administratoren, Programmierer, Supporter u.a., die daran arbeiten, dass der Messenger überhaupt funktioniert.

Jetzt soll die Firma WhatsApp Nachrichten mit einem kostenlosen Tool austauschen können und den Austausch ermöglichen d.h. WhatsApp investiert und gibt Gelder aus, aber die Ergebnisse dieser Arbeit können alle benutzen. Doch keiner regt sich auf.

Alexa, sag mir, wie du programmiert wurdest...

Oder die nächste populäre Digitaldebatte: man soll seine Algorithmen offenlegen.

Fast jede Firma hat eine eigene R&D-Abteilung, in der kluge Köpfe mit ihren Ideen das Unternehmen vorantreiben. Man investiert in die Entwicklung, in Technik, in Fachkräfte und in Schulung. Irgendwann bekommt man am Ende Know-How, das hilft, neue Arbeitsplätze zu schaffen, neue Produkte zu entwickeln und Prozesse zu optimieren. Warum sollte jemand (Staat? Kühnert?) diese Algorithmen einsehen können oder dürfen? Wer wird haften, wenn auf diese Weise Algorithmen und Technologien geklaut werden? Niemand frägt danach.

In der europäischen KI-Debatte spricht man oft von nicht zuverlässigen Algorithmen. Irgendwelche staatliche KI-Spezialisten müssen sie ansehen können und werden beurteilen, ob sie europäisch KI-konform sind.

Aber wie die Suche bei Google funktioniert, das wissen nur wenige Google-Spezialisten. Denn diese Suchalgorithmen machen alles aus. Es ist ein Betriebsgeheimnis. Eigentlich sollte Google die Suchalgorithmen offenlegen und beweisen gegenüber der KI-Kommission, ob diese Algorithmen unseren gesellschaftlichen Werten entsprechen. Hm... warum sollte Google überhaupt in seine Entwicklung investieren, wenn am Ende jeder die Betriebsgeheimnisse begutachten kann? Wie soll das gehen? Doch diese Frage stellt sich keiner.

Open-Code-Society

Oder die Initiative "Public Money, Public Code". Wenn Programme aus Steuermitteln finanziert werden, dann muss der Quelltext offen zugänglich sein. Einerseits zwingt man hier den Staat dazu, auf Open-Source-Lösungen zu setzen. Andererseits zwingt man eine Firma dazu den Code als Open Source zu lizenzieren, wenn man etwas für den Staat erstellt.

Warum sollte z.B. Microsoft mitmachen? Ohne MS-Produkte geht heutzutage nichts. Und wenn Microsoft gezwungen wird, bei dieser Sache mitzumachen, warum investiert man überhaupt noch in die Software-Entwicklung, wenn man davon ausgehen kann, dass alle Lösungen früher oder später als Open-Source zur Verfügung gestellt werden? Kein Entwickler wird für die bösen Kapitalisten programmieren, sondern für die ganze Menschheit, denn am Ende gehört der Code allen. Wer wird dies nun finanzieren und wie lange hält dieses Wirtschaftsmodell?

Kevin Kühnert und BMW stellen ein viel zu skuriles Beispiel der Enteignungsdebatte dar. Aber die Debatte an sich ist schon längst salonfähig geworden und wird bereits eifrig diskutiert und in der IT-Branche sogar bejubelt.

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