Die Folgen der DSGVO: niemand hatte Absicht eine Paywall/Mauer zu bauen

Immer mehr Angebote im deutschsprachigen Internet werden hinter einer Paywall versteckt. Einige Projekte werden gleich geschlossen und andere müssen ihr Geschäftsmodell erst überdenken, um zu überleben.

Deutsche verbringen immer mehr Zeit im Internet. Laut einer Studie von der Postbank sind Deutsche im Schnitt 46,2 Stunden pro Woche online. In Berlin liegt das Ergebnis sogar bei 56,4 Stunden. Manche schlafen weniger als das sie surfen. Und die Ära vom 5G-Internet ist noch nicht einmal gekommen!

Immer mehr Content für das Geld

Man konsumiert immer mehr Content im Netz. Die Internet- und Live-Streaming-Angebote drängen das Fernsehen immer mehr ins Abseits. Man schaut nicht nur Serien oder lustige Videos, sondern liest auch – vielleicht nicht mehr so sorgfältig wie früher, aber wir beginnen unseren Morgen mit dem Springen von einer Überschrift zur anderen. Die Sensationen bei Bild überfliegen, dann kurz zu Spiegel, damit man auch weiß, was im Fokus der Welt passiert. Je nach Lust und Laune liest man auch FAZ, taz, SZ und ein paar andere lokale Zeitungen zur Abwechslung. Über Sportthemen wird auch gelesen – von Kicker bis Transfermarkt.

Doch in letzten Jahren ist es immer teurer geworden, den Content zu konsumieren – die Marktwirtschaft ist überall und keiner ist gezwungen, uns mit kostenlosem Content zu überfluten. Fast alle großen Anbieter haben schon eine Paywall eingeführt.

Gerade in diesem Jahr stellte das populäres Portal Heise ein neues Angebot vor – heise+ für nur 9,95 Euro pro Monat.

Kostenlos zu sein lohnt sich nicht mehr. Kurz davor wurde angekündigt, dass man Huffington Post Deutschland schließen wird.

Mir persönlich wird dieses Projekt nicht besonders fehlen. Die Finanzierung über Werbung reichte nicht und man kann spekulieren, ob der Umstieg auf bezahlten Content die Besucherzahlen nicht noch mehr senken wird.

Wie geht es weiter?

Aktuell hat man zwei Möglichkeiten weiter zu surfen. Man kann weiterhin kostenlos lesen, was man zu Lesen bekommt. Im Lauf der Zeit wird es immer weniger. Um wirklich mehr Information zu bekommen, muss man von einer Seite zu anderen springen. Das sollte kein Problem sein, denn die Themen und aktuelle Trends sind fast auf allen Seiten gleich. Die interessanten Autoren und die spannenden Texte werden nur mit den Überschriften locken. Für öffentlich-rechtliche Webangebote wird man sowieso zahlen müssen. Daher wird man seinen Teil des Informationskuchens schon irgendwie bekommen.

Oder man fängt an zu zahlen bzw. zu konsumieren. Mit der passenden Auswahl könnte es schwieriger sein. Es gibt keine Flatrate für alle Medien, jede Seite hat ihre eigenen Preisvorstellungen. Ein paar Großanbieter wie WELTplus (ab 9,99 Euro/Monat) oder Spiegel+ (ab 19,99), eventuell eine lokale Zeitung (z.B. SZ Plus ab 19,99 Euro pro Monat), nicht zu vergessen die Hobbie-Angebote wie heise+ oder Kicker (eMAGAZINE Abo für nur 12,90 pro Monat). Wenn man weiterhin reibungslos die Information konsumieren möchte, kommt man locker auf 50+ Euro pro Monat + GEZ. Wer hätte das gedacht?

Cookies und Werbung

Eigentlich sollte man sich nicht wundern, denn diese Entwicklung war vorhersehbar. Seit Jahren kämpfen manche Aktivisten für Internet ohne Werbung – in Deutschland ist diese Bewegung dank vielen kostenlosen Werbeblockern besonders populär. Wenn eine Webseite keine Werbung hat, hat sie keine Werbeeinnahmen.

Gleichzeitig kämpfen andere gegen Cookies und Tracking, die den Webseiten helfen sollten, personalisierte Werbung anzubieten. Die EU-Richtlinien für Cookies sind schon älter als die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO; engl. General Data Protection Regulation GDPR), die nur dazu beigetragen hat, dass die Webseitenbetreiber einen Cookie- und Datenschutzhinweis platziert haben.

Die effiziente Werbung ohne Cookies ist so gut wie unmöglich. Hat man keine Informationen über den Besucher, zeigt man unrelevante Werbung, die sowieso nicht angeklickt wird. Die Werbeeinnahmen sinken. Wenn die Finanzierung der Webseiten über die Werbung scheitert, suchen die Verleger nach einer neuen Monetisierung des Angebotes. Ineffiziente Portale werden geschlossen, andere werden höchstwahrscheinlich mit Paywall aufgerüstet.

So oder so werden die Kunden irgendwie zahlen müssen. Wollte man ursprünglich keine Werbung konsumieren, wird man direkt bei Abruf des Contents zur Kasse gebeten. Oder es bleibt nur beim Überschriften lesen.

DSGVO...

War ein wichtiger Meilenstein im Kampf gegen das Tracking im Internet. Da das Modell mit dem Anzeigen relevanter Werbung erschwert wurde, wird die relevante Werbung teurer oder die Webseiten werden mit nicht relevanter Werbung zugemüllt. Keine Sorge, die Kunden werden das auch bezahlen, denn die Werbekosten werden später im Endpreis einkalkuliert. Das ist die Lage aus Sicht der Werbebranche.

Die Betreiber der Webseiten müssen auch mit Folgen rechnen. Früher plante man selbst, wie die Webseite aussehen wird. Jetzt muss man miteinkalkulieren, dass man irgendwo eine Cookies-Warnung platzieren muss. Je nach Aufwand und Rechtsverständnis bastelt man die Warnungen in unterschiedlich großen Formaten zusammen. Manche übertreiben es und deren Warnung verdeckt bis zu 30% der Einstiegsseite. Manche versuchen es so minimalistisch wie möglich darzustellen. So oder so geht es immer um die Begrenzung der, für die Werbung verfügbaren, Webflächen. Die Werbung konkurriert um die Aufmerksamkeit mit der Cookie-Warnung. Aber mit der Werbung kann man eventuell was verdienen. Der Cookie-Hinweis nervt nur.

Die DSGVO setzte sich ein ambitioniertes Ziel, doch die Quittung dafür bekommen die Betreiber der Webseiten und deren Benutzer. War das so gewollt? Die Folgen waren für alle in der IT-Branche klar. Die Politiker hätten auf die Industrie hören müssen, aber die ITler haben keine starke Lobby im Vergleich zu der Autoindustrie.

Die Kollateralschäden kommen erst jetzt ans Licht. Immer mehr Seiten steigen auf Paywall-Angebote um. Keine hatte die Absicht eine Paywall-Mauer zu bauen, aber was nun? Sie ist eben schon vorhanden. Da kann man nichts mehr machen.

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